Grundlagen | Umfeld und Geschichte
Architektur im historischen Kontext ist ein Balanceakt: zwischen Respekt und Gegenwartsbewusstsein, zwischen Zurückhaltung und Haltung.
Die Zeugstätte III steht an einem Ort, der seit Jahrhunderten von Wasser, Industrie und körperlicher Arbeit geprägt ist. Der Steyrer Wehrgraben war über lange Zeit Produktionsraum und Lebensader zugleich. Heute hat sich das Gebiet zu einem besonderen Stadtquartier entwickelt: Die grünen Flussarme, gesäumt von Trauerweiden und alten Bäumen, begleiten ehemalige Industriegebäude, die heute zu Wohnhäusern umgenutzt sind, den Bildungscampus der FH Oberösterreich und das Museum Arbeitswelt und verleihen dem ehemaligen Industriegebiet, malerische Qualität.
Nach dem Abbruchbescheid und der Entscheidung für einen Wettbewerb entstand die Möglichkeit, den Ort neu zu denken.
Die Geschichte sollte dabei weder rekonstruiert noch überformt werden. Ziel war vielmehr, ihre räumlichen und materiellen Qualitäten aufzunehmen und mit einer selbstbewussten zeitgenössischen Architektur weiterzuschreiben.
Auftragslage
Ausgangspunkt der Planung war ein vom Bauherrn 2022 ausgelobter Architekturwettbewerb, aus dem der Entwurf als Siegerprojekt hervorging. In der weiteren Bearbeitung wurde das Konzept dem Steyrer Gestaltungsbeirat vorgelegt und schließlich zur Umsetzung freigegeben.
Von Beginn an verlangte die eigentlich „überschaubare“ Aufgabe (nur 207 m² Bauplatz) eine ungewöhnlich intensive Auseinandersetzung mit dem Ort. Neben dem denkmalgeschützten Umfeld bestimmten insbesondere die Lage unmittelbar im Wasser, Hochwasserschutz, Wasserrecht, anspruchsvolle Gründungsverhältnisse und ein komplexer Bauablauf die Entwicklung des Projekts.
Was auf den ersten Blick wie ein klarer Baukörper erscheint, ist deshalb das Ergebnis zahlreicher Abstimmungen, Varianten und präziser Einzelentscheidungen.
Städtebaulicher Kontext
Der langgestreckte, traufständige Baukörper folgt dem Verlauf des Wehrwassers und nimmt damit die Richtung der historischen Bebauungsstruktur auf. Seine ruhige Silhouette versteht sich als Weiterführung des Bestands, ohne diesen formal zu imitieren.
Zum neu entstandenen Platz öffnet sich das Erdgeschoss großflächig. Eine weit spannende Faltwand verbindet das Gastrolokal mit dem Außenraum und schafft eine direkte Beziehung zwischen Gebäude, Wasser und öffentlichem Stadtraum.
Gerade dieser Platz besitzt besonderes Potenzial: Was bisher vor allem als rückwärtiger Zugang zum Museum Arbeitswelt wahrgenommen wurde, kann sich künftig zu einem verbindenden Aufenthaltsraum zwischen Kultur, Gastronomie, Bildung und Wehrwasser entwickeln. Die Zeugstätte III versteht sich damit nicht nur als einzelnes Haus, sondern auch als Impuls für die weitere Entwicklung dieses Abschnitts des Wehrgrabens.
Statik und Konstruktion
Die besondere Lage erforderte ein Tragwerk, das auf Wasser, Auftrieb und schwierige Bodenverhältnisse reagieren kann. Das Gebäude wurde über duktile Pfähle tiefgegründet und gegen Auftrieb gesichert.
Sockelgeschoss, Erdgeschoss und die seitlichen Giebel bestehen aus Stahlbeton. Dieser robuste Unterbau bildet die widerstandsfähige Basis im hochwassergefährdeten Bereich. Unregelmäßig gesetzte Öffnungen ermöglichen unterschiedliche Ein- und Ausblicke und reagieren unmittelbar auf die Nutzungen im Inneren.
Ab der Parapethöhe des ersten Obergeschosses verändert sich die Konstruktion grundlegend: Auf dem massiven Sockel liegt ein leichter Holzbau auf. Stützen und Träger bilden ein räumliches Rahmengerüst, in das Brettsperrholzdecken eingespannt sind. Im Dach ergänzen Pfetten das sekundäre Tragwerk für die großformatige Eindeckung aus Glasfaserbeton.
Auch die große Öffnung zum Platz ist Teil dieses konstruktiven Konzepts. Ein Parapetträger im ersten Obergeschoss ermöglicht die nahezu vollständige Öffnung der Faltwand im Erdgeschoss und damit die gewünschte Großzügigkeit der Gastronomie.
Material
Die Materialwahl folgt der Logik des Ortes und der Konstruktion. Im hochwassergefährdeten Sockel kommen belastbare und wasserunempfindliche Oberflächen zum Einsatz. Der Beton ist nicht nur Tragwerk, sondern bewusster Bestandteil des architektonischen Ausdrucks: gestockte Fertigteile mit Gehrungsanschlüssen in den Ecken, robust gegenüber Hochwasser, langlebig und dennoch präzise ausgeführt. Im Inneren bleibt der Beton roh sichtbar und entwickelt eine wabi-sabi geprägte Anmutung von Materialehrlichkeit und gelebter Zeit.
Darüber beginnt eine deutlich leichtere Welt aus Holz. Rund sechzig Prozent der tragenden Struktur sind als Holzbau konzipiert. Sichtbare Fichtenoberflächen prägen weite Bereiche des Innenraums und verleihen den Räumen Wärme, ohne ihren industriellen Charakter zu verlieren.
Die Fassadenöffnungen folgen den unterschiedlichen Anforderungen der dahinterliegenden Räume. Was zunächst als bewusst unregelmäßige Lochfassade erscheint, wird von einer vorgelagerten Ebene aus vertikalen Lärchenholzlamellen zusammengeführt. Sie legen sich wie ein Filter vor das Gebäude, schaffen Tiefe und nehmen der heterogenen Fensterordnung ihre Unruhe.
Mit zunehmender Bewitterung wird das Lärchenholz vergrauen. Die Fassade verändert sich damit über die Jahre und nähert sich farblich den mineralischen und industriellen Oberflächen ihrer Umgebung an.
Das Satteldach ist mit großformatigen Glasfaserbetonplatten gedeckt. Seine zurückhaltende Materialität unterstützt die klare Gesamtform und lässt Dach und Fassade als zusammengehörige Architektur erscheinen.
Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit verstehen wir bei der Zeugstätte III nicht als nachträglich ergänztes technisches Thema, sondern als Teil der grundlegenden Entwurfsentscheidungen.
Der hohe Holzanteil reduziert das Eigengewicht der oberen Geschosse und verringert zugleich den Einsatz CO₂-intensiver Baustoffe. Die Holzriegelwände zwischen den tragenden Rahmen sowie die Dachflächen werden mit eingeblasener Zellulose gedämmt.
Für die Energieversorgung wurden Tiefenbohrungen mit einer Wärmepumpe kombiniert. Die massiven Betondecken werden thermisch aktiviert und sowohl zum Heizen als auch zum Kühlen genutzt. Konstruktion und Gebäudetechnik greifen dadurch unmittelbar ineinander.
Gleichzeitig spielte die langfristige Beständigkeit eine zentrale Rolle. Gerade in einem hochwassergefährdeten Gebäude besteht Nachhaltigkeit auch darin, Materialien dort einzusetzen, wo sie dauerhaft funktionieren, reparierbar bleiben und nach einem möglichen Ereignis nicht unnötig ersetzt werden müssen.
Details
Viele der wichtigsten Entscheidungen dieses Hauses liegen dort, wo sie auf den ersten Blick kaum wahrgenommen werden.
Ein Beispiel ist die Dachentwässerung. Die Fallleitungen des Hauptdachs werden innerhalb von eigens ausgebildeten Metallprofilen geführt, deren Breite und Abstand exakt auf den Rhythmus der Fassadenlamellen abgestimmt sind. Technische Notwendigkeit und Gestaltung werden dadurch zu einem Element. Auf der Flussseite entwickeln sich diese Profile zu Speiern, über die das Regenwasser wasserrechtlich genehmigt direkt in das Wehrwasser zurückgeführt wird.
Auch die zahlreichen notwendigen Entlüftungen sollten die ruhige Dachfläche nicht fragmentieren. Sie werden deshalb in einem gemeinsamen, präzise gesetzten Dachaufbau zusammengeführt, der die ursprünglichen Kamine der Nachbardächer zitiert.
Innenarchitektur
Im Erdgeschoss befindet sich ein Lokal. Aufgrund der Hochwassergefährdung wurden sensible Nebenräume und technische Funktionen bewusst in das erste Obergeschoss verlagert.
Von dort erfolgt auch der Zugang zu den zweigeschossigen Büroflächen. Lufträume, ein großzügiger Dacheinschnitt und sichtbare Holzoberflächen schaffen eine helle, offene Arbeitsatmosphäre und lassen die konstruktive Idee des Hauses auch im Inneren ablesbar werden.
Die Einbaumöbel der allgemeinen Bereiche und der Büroflächen wurden von Julia Krendl geplant. Die Innenarchitektur der Gastronomie entstand federführend durch Lucy.D. Das Wandbild im EG Kunst am Bau durch Frau Isa.
Dabei wurde der Innenraum im Gegensatz zur linearen Außenhülle bewusst organischer konzipiert. Viel Holz, Steinzeug und warme Materialien prägen die Atmosphäre und schaffen einen Raum, der sich weich und einladend anfühlt. Materialien, Möbel, Licht und Konstruktion sollen dabei aufeinander reagieren und eine Umgebung entstehen lassen, die zugleich robust, selbstverständlich und warm wirkt.
Bauen am Wasser | Erschwernisse und Zusammenarbeit
Ein Gebäude mitten im historischen Wehrwasser zu errichten, bedeutet, unter Bedingungen zu planen und zu bauen, die weit über eine gewöhnliche Bauaufgabe hinausgehen.
Hochwasser, Auftrieb, eingeschränkte Baustellenflächen, Wasserrecht, Denkmalschutz, schwierige Zugänglichkeit sowie die unmittelbare Nähe zu bestehenden Nutzungen stellten Planer und ausführende Firmen immer wieder vor neue Herausforderungen. Viele Arbeitsschritte mussten präzise aufeinander abgestimmt, technische Lösungen mehrfach geprüft und Details unter realen Baustellenbedingungen weiterentwickelt werden.
Gerade deshalb ist die Zeugstätte III ein Gemeinschaftswerk. Das Projekt ist getragen von einem Bauherrn, der Mut, Vertrauen und außergewöhnliches persönliches Engagement eingebracht hat, von Fachplaner und ausführenden Firmen, die sich auf die besonderen Bedingungen dieses Ortes eingelassen haben, und von einem Planungsteam, das sich weit über Standards hinaus mit Konstruktion, Material und Detail beschäftigt hat.
Ein Haus an einem solchen Ort entsteht nicht aus einer einzelnen großen Geste. Es entsteht aus unzähligen sorgfältigen Entscheidungen.
Vielleicht liegt genau darin seine Qualität: in einer Architektur, die sich ihrer Geschichte bewusst ist, ohne nostalgisch zu werden und zu überreizen, die technische Herausforderungen nicht kaschiert, sondern in Gestaltung übersetzt und die mit möglichst wenigen, dafür präzise eingesetzten Materialien einen neuen, selbstverständlichen Baustein im Steyrer Wehrgraben schafft.
Wettbewerb: 04/2022
Baubescheid: 12/24
Baubeginn: 02/2025
Fertigstellung: 07/2026
Bauherr:
Zeugstätte lll GmbH [Jörg Veigel]
Planungsbeteiligte:
Julia Krendl Architektur [Architektur + Innenausbau, Mitarbeit: Laura Gimpl]
Lucy.D [Innenarchitektur Gastro EG]
Frau Isa [Kunst am Bau]
IFB Eigenschenk [Beweissicherung + Schwingungsmessungen]
KSM [Baustatik + Bauphysik]
Steinberger [Baustellenkoordination]
Tauchmann [Rammsondierung + Bodengutachten]
Wolfthal Zimmerer [Holzbaustatik]
Ausführende Firmen:
Alois Perwein
Habau
Halbartschlager
Josko
Jasmin Zuban Natursteine
Kaulich Fugen
Keller Grundbau
Lipfert
Mitterhuemer
Mucki Bodenleger
Mayr Bau
Mörth Gastro
Otis
Ploier Hörmann
Riegler Metallbau
Rigler Tiefbohrtechnik
Stein-Zeit
Swietelsky
Tischlerei Bauernfeind
Trockenbau Rogovic
VMI Brandschutz
Wolfthal Zimmerei

