Weiterbauen im Bestand | Kernsanierung und Umbau eines Wohnhauses: Kleine Eingriffe – große Wirkung.
Die Kernsanierung eines rund 100 Jahre alten Wohnhauses verbindet bestehende Substanz mit zeitgemäßem Wohnen. Wohnen, Essen und Kochen werden räumlich neu organisiert, bestehende Qualitäten freigelegt und durch gezielte neue Fensteröffnungen ergänzt. Historische Elemente, Fischgrätparkett, Kachelofen und vorhandene Bauteile bleiben Teil der Geschichte – ergänzt durch präzise neue Eingriffe.
Eigentlich ging es nur um eine neue Küche.
„Julia, kannst du uns eine neue Küche planen?“
Die bestehende Küche war allerdings noch völlig in Ordnung – einfach eine neue Küche einzubauen schien mir nicht richtig. was hier fehlt ist die Beziehung zwischen Kochen und Essen. Und beim Essbereich fehlt definitiv eine Sichtachse nach außen. Auch der dunkle Verteiler daneben war viel spannender: rund 16 m² Fläche, kaum Tageslicht und Teil eines Grundrisses aus abgeschlossenen Räumen und Sackgassen. Aus der Küchenplanung wurde deshalb ein Umbau des Erdgeschosses.
Aus Sackgassen werden Rundwege
Der bestehende Grundriss wurde dort geöffnet, wo neue räumliche Beziehungen entstehen konnten. Kochen, Essen und Wohnen wurden miteinander verbunden, der ehemalige Vorraum und ein Nebenraum dem offenen Kochbereich zugeschlagen. Neue Fensteröffnungen schaffen Sichtachsen durch das Haus und bringen Tageslicht bis tief in den Grundriss.
Aus einer Folge dunkler Einzelräume entstand ein fließender Wohnbereich.
Dass der neue Grundriss funktioniert, zeigte sich unmittelbar nach dem Umbau: Die Kinder liefen plötzlich ständig im Kreis. Vorher war es im Haus deutlich ruhiger. Mit dem offenen Grundriss öffneten sich offenbar auch seine jüngsten Bewohner:innen. Und hell wurde es auch.
Mehr Raum, ohne mehr Haus
Für den neuen Wohnbereich musste kein zusätzlicher Quadratmeter gebaut werden. Rund 16 m² bestehende Vorraum- und Nebenfläche wurden neu interpretiert und dem Kochen zugeschlagen. Die Küche ist heute nicht mehr ein einzelner Raum, sondern Teil einer Raumfolge aus Kochen, Essen und Wohnen. Gleichzeitig wurden andere Funktionen klarer geordnet: Die Toilette rückte aus dem unmittelbaren Wohnbereich und erhielt deutlich mehr Privatheit.
So entstand Großzügigkeit nicht durch einen Zubau, sondern durch einen anderen Blick auf das, was bereits da war.
Licht als Entwurfswerkzeug
Die entscheidenden Eingriffe liegen in den neuen Öffnungen. Zusätzliche Fenster schaffen Licht, Blickbeziehungen und Orientierung. Der Garten wird aus unterschiedlichen Bereichen des Hauses sichtbar, Räume beziehen sich über Sichtachsen aufeinander, und ehemals dunkle Zonen werden Teil des Wohnraums.
Dabei bleibt der rund 100 Jahre alte Bestand ablesbar. Fischgrätparkett, Kachelofen, bestehende Konstruktion und charakteristische Oberflächen treffen auf wenige präzise neue Eingriffe.
Nicht alles musste neu werden. Manches musste nur neu miteinander verbunden werden.
Weiterbauen statt ersetzen
Auch technisch wurde möglichst mit dem Bestand gearbeitet. Die vorhandene Konstruktion mit Ziegeleinhängedecken sollte nicht unnötig belastet. Für die neue Fußbodenheizung wurden die Leitungen daher in den bestehenden Bodenaufbau eingefräst.
Der Umbau folgt damit durchgehend derselben Haltung: erhalten, was funktioniert; öffnen, wo räumliche Qualität entstehen kann; und ergänzen, was ein hundert Jahre altes Haus für die nächsten Jahrzehnte braucht.
Aus dem Wunsch nach einer neuen Küche wurde eine neue Art, das ganze Erdgeschoss zu bewohnen.
Steyr, 2024

